Interview mit Thorsten Herdan vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Thorsten Herdan leitet die Abteilung II “Energiepolitik” des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Der studierte Diplom-Ingenieur und Maschinenbauer war zuvor unter anderem als Geschäftsführer des VDMA und der Forschungsvereinigung Verbrennungskraftmaschinen (FVV) sowie als Vizepräsident der Stiftung Offshore-Windenergie tätig. Im Interview mit heizung.de spricht er über die energiepolitischen Herausforderungen des Klimawandels und welche Rolle Energieträger wie Erdgas und Wasserstoff dabei spielen.

Herr Herdan, im Zentrum moderner Energiepolitik steht immer wieder die Forderung nach mehr Energieeffizienz. Können Sie uns diesen Begriff bitte erläutern?

Thorsten Herdan: Energieeffizienz bedeutet, einen möglichst hohen volkswirtschaftlichen Gesamtnutzen mit möglichst geringem Gesamtenergieaufwand zu erreichen. Im Zentrum unserer Energiepolitik steht daher eine Reduzierung des Gesamtenergieverbrauchs bei steigendem Gesamtnutzen. 

Th. Herdan, Leiter d. Abteilung Energiepolitik des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) im Interview 

Also kurz gesagt: Nutzen rauf, Kosten runter?

Thorsten Herdan: Richtig. Nur wenn wir den Gesamtenergieverbrauch vom Wachstum entkoppeln und so – durch Steigerung der Energieeffizienz – aus einem Weniger ein Mehr machen, werden wir den Umstieg auf eine saubere Energieversorgung schaffen.

Elektronische Geräte wie Smartphone, E-Auto und E-Bike werden immer mehr. Woher kommt die Annahme, dass wir 2030 weniger Strom verbrauchen werden als heute?

Thorsten Herdan: Im konkreten Einzelfall sind diese Mehrverbräuche unbestreitbar. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass wir, über einen längeren Zeitraum betrachtet, eine erhebliche Reduzierung des Gesamtverbrauchs sehen werden. Das lässt sich bereits an den Zahlen der vergangenen Jahrzehnte ablesen. Unser Wirtschaftswachstum – welches letztlich den Nutzen unseres Gesamtenergieverbrauchs darstellt – entkoppelt sich von der Entwicklung des Gesamtenergieverbrauchs. Und zwar trotz der von Ihnen beschriebenen Effekte.

Die EU wird die klimapolitischen Ziele für 2030 voraussichtlich weiter erhöhen. Gehen Anspruch und Wirklichkeit nicht manchmal auseinander?

Thorsten Herdan: Energiepolitisch wird das natürlich eine Herausforderung. Wir müssen manches neu denken. Für mich ist das aber ein Grund zum Ansporn. Energieeffizienz ist mit großen Chancen verbunden – für jeden Einzelnen und für den Standort als Ganzes. Machen wir uns nichts vor: Die Klimadiskussion wird weltweit geführt. Sie wird vor keiner Region dieser Welt Halt machen und wird ein globaler Treiber für Energieeffizienz bleiben. Je früher wir uns darauf einstellen, desto besser werden wir im internationalen Wettbewerb bestehen. Auf der ganzen Welt werden letztlich die Produkte gekauft werden, die möglichst wenig Energie verbrauchen.

In den kommenden Jahren sollen die Bürgerinnen und Bürger auf umweltfreundliche Autos umsteigen, ihre Häuser energetisch sanieren und neue Heizungen installieren. Wie können die Bürgerinnen und Bürger bei der Umsetzung unterstützt werden?

Thorsten Herdan: Die Bürgerinnen und Bürger müssen das nicht alleine stemmen. Wir haben eine Vielzahl von Förderprogrammen und kostendämpfenden Regelungen in allen Bereichen, die Sie nennen. In den EU-Verhandlungen zum Green Deal ist zu beobachten, dass der Begriff „just transition“ – also die gerechte Energiewende – eine zentrale Rolle spielt. Man muss sehen: Weder der Klimawandel noch die Corona-Pandemie sind gekommen, weil die Politik es so gewollt hätte. Nichtsdestotrotz müssen wir mit diesen Herausforderungen umgehen. Steuern zahlen wir auch nicht zum Spaß, sondern weil sie für ein funktionierendes Gemeinwesen erforderlich sind.

Gasheizungen machen in Deutschland einen hohen Anteil aus. Sie haben vor zwei Jahren den Gasdialog 2030 ins Leben gerufen. Wie sieht die Perspektive für diese Bürgerinnen und Bürger im Licht der klimapolitischen Ziele aus?

Thorsten Herdan: Es stimmt, dass Erdgas der dominierende Energieträger im Gebäudebereich ist. Für seine Dekarbonisierung brauchen wir funktionierende Lösungen. Jeder fossile Energieträger, der ersetzt wird, ist ein guter Ansatz. Ein zweiter Weg ist die Umstellung der Versorgung auf zunehmend erneuerbar gespeiste Wärmenetze. Ein dritter das Gebäude selbst. Im Neubau haben wir hervorragende Technologien, wie diese zukunftsfähig und klimaneutral geplant und betrieben werden können. Zum Beispiel mit Wärmepumpen, die mit erneuerbarem Strom versorgt werden. Schwerer tun wir uns mit dem Gebäudebestand. Denn hier bauen wir auf einem bestehenden System auf.

Niedertemperatursysteme mit Flächenheizungen so umzurüsten, dass eine Wärmepumpe effizient läuft, ist aufwendig. Hier könnten Hybridsysteme die Lösung sein: eine Wärmepumpe übernimmt die Grundlast, der gekoppelte Heizkessel schaltet zu Spitzenlast-Zeiten hinzu.

Je besser die energetische Sanierung eines Bestandsgebäudes, desto höher die Wärmepumpen- und damit die EE-Anteile. Deshalb fördert das BMWi Hybridsysteme genauso wie Energieeffizienz, Wärmenetze und EE-Systeme generell.

Im Zuge der Energiewende hat man in den vergangenen 20 Jahren besonders den Strom immer „grüner“ gemacht. Wäre es nicht sinnvoll, diesen Weg auch bei den anderen Energieträgern zu gehen und dafür bestehende Infrastrukturen zu nutzen?

Thorsten Herdan: Völlig richtig. Es ist unser Ziel, auch weitere Energieträger auf erneuerbare Energien umzustellen. In vielen Fällen ist die direkte Umstellung auf „Grünstrom“ der richtige Weg (z.B. mit Wärmepumpen). Auch die Wärmenetze müssen wir ausbauen. Das heißt: verdichten und dekarbonisieren, also erneuerbare statt fossiler Wärme einspeisen.

Es gibt aber auch Fälle, in denen das nur schwer oder gar nicht möglich ist. Hier kommt Wasserstoff eine wichtige Rolle zu. Weitere strombasierte Energieträger wie synthetisches Methan sind ebenfalls zu nennen. Hierbei ist wichtig zu wissen: Wir werden langfristig auf Importe von erneuerbaren Energien angewiesen sein. Der Transport aus Regionen, die ein großes erneuerbares Erzeugungspotential haben, gelingt nun mal häufig am besten in Form von chemischen Energieträgern.

Als Ergebnis aus dem Gasdialog ist unter anderem die Nationale Wasserstoffstrategie entstanden, an der Sie maßgeblich beteiligt waren. Wo steht der Wärmesektor in Ihren Überlegungen?

Thorsten Herdan: Was wir brauchen, sind Strategien, die für die meisten Anwendungsfelder ökonomisch am effizientesten sind. Für den Wärmesektor haben andere Klimaschutzoptionen Vorrang vor Wasserstoff. Langfristig könnte aber auch hier ein Bedarf an wasserstoffbasierten Anwendungen bestehen, sodass wir wir Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in dieser Richtung fördern. Einige Akteure sehen Wasserstoff für den Betrieb von Wärmenetzen als vorrangig an. Dies sollte untersucht werden.

Über den Wasserstoff hört man, er dürfe nur dort eingesetzt werden, wo es keine Alternativen gibt. Ist das nicht typisch für den Standort Deutschland, immer erst die Probleme bei Neuem zu sehen, bevor man die Chancen erkennt?

Thorsten Herdan: Nein, die Bundesregierung hat mit der Nationalen Wasserstoffstrategie klare Maßnahmen definiert, wie wir der Wasserstofftechnologie in Deutschland in einer Vielzahl von Anwendungsfeldern zum Durchbruch verhelfen können. Wasserstoff ist ein vielseitiger Energieträger und Rohstoff, richtig. Aber zur politischen Arbeit gehört auch die Setzung von Prioritäten. Vor diesem Hintergrund fokussieren wir uns auf Anwendungen, die nah an der Wirtschaftlichkeit sind oder bei denen es keine alternativen Vorgehensweisen zum Klimaschutz gibt.

Außerdem ist das Feld für die Wasserstoffnutzung sehr breit – Stahlproduktion, Grundstoffchemie, Raffinerien, unterschiedlichste Wasserstofftechnologien im Verkehrsbereich. Der Aufbau einer Infrastruktur für Wasserstoff erschließt weitere Nutzungspfade. Wenn sich im Markt die passenden Geschäftsmodelle entwickeln, schließen wir diese nicht aus.

Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt seit 2016 eine Technologie, die für den Einsatz von Wasserstoff wie gemacht ist: die Brennstoffzelle. Wie geht es hier im Rahmen der Nationalen Wasserstoffstrategie weiter?

Thorsten Herdan: Die Brennstoffzellenheizung ist eine hocheffiziente Alternative zum klassischen Gasbrennwertkessel, da hier neben Wärme auch Strom gewonnen wird. Sie ist ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Energieträger Erdgas und der Nutzung von grünem Wasserstoff. Deshalb werden wir die Brennstoffzellenheizung im Rahmen des bestehenden Technologieeinführungsprogramms in Zukunft weiter fördern. 

Seit Einführung des Programms sind bereits über 14.000 Förderanträge eingegangen. Unser Ziel ist es, diese Art der Energie- und Wärmeerzeugung als wirtschaftlich tragfähige Alternative dauerhaft am Markt zu etablieren. Darüber hinaus fördern wir auch weiterhin die Wärmeerzeugung durch erneuerbare Technologien, etwa den Einsatz von Solarthermieanlagen, Wärmepumpen und Biomasseheizungen.

Was können Bürgerinnen und Bürger tun, die die Bedingungen für Wärmepumpe und Biomasseheizung nicht herstellen können, weil sie in Mehrfamilienhäusern mit Etagenheizungen leben? Oder weil sie es sich schlicht nicht leisten können?

Thorsten Herdan: Die Umstellung eines Heizungssystems auf erneuerbare Energien ist oft mit hohen Investitionskosten für die Gebäudeeigentümer verbunden. Um Chancengleichheit zu schaffen, haben wir die Förderprogramme verbessert und die Anreize erhöht. Antragstellende, die sich für eine Biomasseheizung oder eine Wärmepumpe entscheiden, bekommen bis zu 45 Prozent Förderung. Parallel dazu haben wir die Förderung für die energetische Gebäudesanierungen erhöht.

Vor dem Hintergrund der sehr guten Nachfrage nach den Programmen auch in der Corona-Pandemie, bin ich überzeugt, dass wir hier ein rundes Paket für die Energiewende im Gebäudebereich geschnürt haben.

Für Ballungsräume wird Fernwärme häufig als “Joker” für klimafreundliches Heizen ins Spiel gebracht. Speist sich Fernwärme nicht nach wie vor überwiegend aus Kohlekraftwerken?

Thorsten Herdan: Ja, aber das ist eine ähnliche Situation wie bei der Elektromobilität. Strom für E-Autos ist auch noch nicht zu 100 Prozent grün. Genauso ist es bei der Fernwärme: im Moment ist die Wärme in Wärmenetzen noch größtenteils fossil. Wärmenetze spielen aber eine Schlüsselrolle bei der Wärmewende, weil Großwärmepumpen, Solarthermie, Geothermie und auch die unvermeidbare Abwärme dort effizient einspeisen können. Wir leiten den Wandel von fossiler zu erneuerbarer Wärme in Wärmenetzen jetzt ein. Der Kohleausstieg bietet hier eine große Chance, weil viele Stadtwerke, die vom Kohleausstieg betroffen sind, neue Wärmekonzepte finden müssen.

Wie kann Fernwärme klimaneutral oder erneuerbar werden?

Thorsten Herdan: Indem wir erneuerbare Energien in Wärmenetzen genauso fördern wie die dortige Absenkung der Temperaturen, damit erneuerbare Wärme effizient eingebunden werden kann. Der nationale CO2-Preis wirkt sich ebenfalls auf die fossile Wärme aus und stellt die erneuerbare Wärme besser. Aber es gibt immer noch eine Abweichung.

Die Energiewende kann nur gelingen, wenn alle mitmachen: Politik, Wirtschaft, Wis- senschaft und Verbraucher. Welcher Akteur bildet hier momentan, wie man so sagt, den Flaschenhals?

Thorsten Herdan: Das kann ich so nicht beantworten. Die Energiewende ist aus meiner Sicht ein gigantischer Transformationsprozess, der politisch, wirtschaftlich, technologisch und von Verbrauchsseite her sowohl angetrieben als auch gebremst wird, und zwar in den verschiedensten Konstellationen. Die schiere Größe dieses Prozesses setzt der Planbarkeit Grenzen. Von daher fallen mir bei Ihrer Frage eher andere Aspekte ein: Erstens sucht dieser Prozess seinesgleichen. Zweitens ist er in hohem Maße dynamisch. Drittens ist er in seinen Einzelheiten für niemanden vollständig vorhersehbar. Viertens wird er gespeist aus „trial und error“, also aus Versuch und Irrtum. Fünftens findet er einen ganz großen Teil seiner Legitimation in der schlichten Notwendigkeit zur energetischen Transformation. Je mehr sich die Menschen aktiv daran beteiligen, desto besser ist am Ende das Ergebnis. Die meisten wollen ja übrigens diese Transformation, auch wenn naturgemäß nicht jeder mit jedem Detail einverstanden sein mag.

Können Sie nach über einem halben Jahr Corona-Pandemie Bilanz ziehen, ob sich die Bemühungen zur Energiewende durch die Krise eher fort- oder zurückentwickelt haben?

Thorsten Herdan: Unser Bemühen ist es, die Krise zu bewältigen. Dennoch: Die Bemühungen zur Energiewende schreiten weiter voran. Denken Sie an das Konjunktur- und Krisenbewältigungspaket, das die Energiewende stärkt, zum Beispiel durch die Aufstockung des CO2-Gebäudesanierungsprogramms, der Ausweitung der Förderprogramme für ÖPNV und Klimaschutz, oder den Ausbau der Wasserstofftechnologie.

Ein anderes Beispiel sehen Sie in der EU unter dem Stichwort „recovery“. Im Fokus steht hier das Aufbauinstrument „Next Generation EU“. Über diesen Aufbauplan sollen bis Ende 2023 zusätzlich 750 Milliarden Euro vergeben werden. Mindestens 37 Prozent sollen für ökologische Transformation zur Verfügung stehen. Schlüsselbereiche sind hier Erneuerbare Energien, Wasserstoff und Gebäuderenovierungen, aber auch Ladesäulen. Sie sehen: Es wird sehr viel getan.

Sie haben beruflich einen eher technisch-wirtschaftlichen Hintergrund. Welche Veränderungen in den politischen Entscheidungsprozessen wünschen Sie sich persönlich?

Thorsten Herdan: Wir sollten die Energiewende nicht so schematisch betrachten, sondern eher wie einen Lernprozess. Als solcher ist er gerade in technisch-wirtschaftlicher Hinsicht interessant. Wir sind dabei alle Lernende. Manchmal überholen sich die Lernprozesse sogar gegenseitig. Nehmen Sie die Frage nach der Energieeffizienz. Ich glaube, sie ist das eigentliche Potenzial einer gelungenen Transformation. Das Brett ist äußerst dick, aber wir müssen es aufbohren, um zu guten, bezahlbaren Ergebnissen zu kommen. Von daher wünsche ich mir, dass dieses Thema nicht nur wirtschaftlich und technisch, sondern auch politisch noch mehr Aufmerksamkeit bekommt als schon heute. Die Rolle der Energieeffizienz bei der Energiewende kann nicht unterschätzt werden.

Wie gelingt es Ihnen privat, etwas für die Energiewende zu tun?

Thorsten Herdan: Ich gehe mit offenen Augen durch den Alltag, nutze Effizienzpotentiale und diskutiere in meiner Familie und meinem Freundeskreis durchaus mal die Beachtung der Energiewende für eine lebenswerte Zukunft.

Wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

Thorsten Herdan: Gerne, ich danke auch.

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