Im Interview mit Dipl.-Ing. Andreas Nordhoff - IBN Passivhaus

Den Energieverbrauch reduzieren und den Einsatz von Brennstoffen (inklusive Uran) minimieren. Nur so kann die Energiewende gelingen. Ein Mittel sind Niedrigenergie-, Plusenergie- und Passivhäuser. In diesen geht es darum, so wenig wie möglich Energie aufwenden zu müssen, um eine Wohnung oder ein Haus zu beheizen und im Sommer zu kühlen. Im Gespräch mit heizung.de ist einer der Pioniere auf diesem Gebiet Dipl.-Ing. Andreas Nordhoff – Geschäftsführer des Instituts für Bauen und Nachhaltigkeit oder kurz: IBN.

Wie sind Sie persönlich zum Thema Passivhaus gekommen und was reizt Sie daran?

Andreas Nordhoff: 1994 haben wir die ersten Niedrigenergiehäuser, die auch vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert wurden, begleitet, inklusive Planungen und Berechnungen. Diese Gebäude entsprachen bereits 1994 dem heutigen KfW-55-Haus-Standard. Dabei haben wir auch eine Lüftungsanlage verbaut, die zum Teil mit Wärmerückgewinnung gearbeitet hat. In Rösrath gibt es zum Beispiel 57 Wohneinheiten, die in diesem Zuge entstanden.
ein Porträt von Dipl.-Ing. Andreas Nordhoff vom IBN.
© Dipl.-Ing. Andreas Nordhoff (IBN Passivhaus)

Also würden Sie sich selbst als Vorreiter bezeichnen?

Andreas Nordhoff: Wolfgang Feist wird als Papst des Passivhauses bezeichnet. Ich werde als Passivhauskardinal aus Köln bezeichnet. Denn wir blicken beide auf 20 Jahre Erfahrung zurück.

Ist Wolfgang Feist demnach der Vordenker für das Prinzip Passivhaus?

Andreas Nordhoff: Wolfgang Feist hat der breiten Öffentlichkeit ein physikalisches Berechnungsmodell zur Verfügung gestellt, welche sehr genau ist und viele Faktoren wie die Luftdichtheit sowie Strahlungsdaten von Fenstern berücksichtigt, was andere Berechnungsprogramme zuvor nicht taten. Im Übrigen werden die Strahlungsdaten heute in den KfW-Förderbedingungen sowie in der Energieeinsparverordnung EnEV immer noch nicht richtig erfasst beziehungsweise berücksichtigt. Das Passivhausberechnungstool hat gerade einmal eine Abweichung von fünf bis zehn Prozent. Das setzt natürlich eine ordnungsgemäße Nutzung voraus. Öffnen Sie im Winter das Fenster, kann es kalt werden.

Dieses Berechnungstool hat mich veranlasst danach zu rechnen. Zu dieser Zeit hat man dem Kind auch einen Namen gegeben: Passivhaus. Es ist marketingtechnisch zwar kein guter Begriff, aber physikalisch korrekt. Denn man muss nicht mehr aktiv heizen. Das Haus beheizt sich passiv, zum Beispiel ganz durch interne Wärme und Sonneneinstrahlung.

Können Sie unseren Lesern ein Beispiel nennen?

Andreas Nordhoff: Wir haben 1997 die erste Passivhaus-Siedlung umgesetzt in der Nähe von Köln – Hohkeppel. Dort haben wir mit einer kleinen Campingheizung gearbeitet – einer gasbetriebenen Luftheizung mit einer Leistung wie von einem Fön. Damit konnten freistehende Einfamilienhäuser mit einer Größe von 166 Quadratmeter beheizt werden. Das funktioniert bis heute problemlos.

Viele hatten im Vorfeld Zweifel, aber wir waren uns den Berechnungen sehr sicher. Deshalb mussten wir viel erklären und Aufklärung betreiben. Dabei kam es nur darauf an, die Berechnungen auch entsprechend umzusetzen.

Bei einem Passivhaus müssen die verschiedenen Faktoren wie Lüftung, Gebäudehülle, Bauweise und Heizsystem ineinandergreifen. Erklären Sie unseren Lesern, warum diese Abstimmung so wichtig ist.

Andreas Nordhoff: Sicher, die Komponenten müssen ineinandergreifen. Wenn man das Haus sehr verwinkelt baut mit Erkern oder Türmchen, dann müssen die Berechnungen entsprechend stimmen. Das bedeutet mehr Oberfläche und damit ein schlechteres Oberflächen- und Volumenverhältnis. Das heißt, man müsste in einem solchen Fall zum Beispiel einige Zentimeter mehr Wärmedämmung einplanen. Oder man verbraucht eben eine Kilowattstunde mehr pro Quadratmeter und Jahr. Jedoch ist darauf zu achten, dass der Passivhaus-Standard nicht überschritten wird: maximal 15 kWh pro Quadratmeter und Jahr.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Luftdichtheit. Bei sehr guten Gebäuden liegt die Luftwechselrate unter 0,2 h-1. Für ein Passivhaus liegt die Grenze bei 0,6 und die EnEV lässt einen Wert von 3,0 zu. 3,0 heißt, so undicht dürfen die heutigen Gebäude sein. Dabei besteht dann jedoch eine hohe Schimmelgefahr.

Das bezieht sich aber nur auf den Neubau?

Andreas Nordhoff: Das sollte nirgendwo so sein. Bei einem Bestandsgebäude ist eine Dichtheitsprüfung durchzuführen. Damit können die Leckagen festgestellt und entsprechend abgedichtet werden.  
Bauplanung für ein Passivhaus im Experteninterview mit Andreas Nordhoff
© Gina Sanders | Fotolia

Beim Thema Passivhaus gibt es immer noch viele Vorurteile: Man darf die Fenster nicht öffnen oder es besteht eine hohe Schimmelgefahr durch die Lüftungsanlage. Können Sie diese Irrtümer aufklären?

Andreas Nordhoff: Wenn ich das Fenster aufmache, muss ich damit leben, dass ich im Winter kalte Luft reinlasse. Die Vorurteile sind ständig da. Wir waren die Vorreiter beim Thema Passivhaus und dann steht man im Kreuzfeuer der Kritik. Die Vorurteile halten sich hartnäckig. Doch Schimmel kann überall entstehen. Vor allem wenn ich in einem Altbau die Fenster saniere und die einzige undichte Lüftungsstelle dicht mache. Dann habe ich eine Erhöhung der Luftfeuchtigkeit im Innenraum. Wenn zusätzlich Wärmebrücken bestehen, ist das ideal für die Schimmelbildung. Eine Lüftungsanlage mit sehr guter Wärmerückgewinnung ist die Lösung:  minimale Wärmeverluste, ständig frische Außenluft und Abtransport von Raumluftfeuchte - drei Fliegen mit einer Klappe.

Sie erwähnen intelligente Energiekonzepte auf Ihrer Website. Was ist darunter zu verstehen?

Andreas Nordhoff: Intelligente Energiekonzepte heißt zunächst Verstehen: also verstehe ich, was noch an Restwärme und vielleicht Kühlung benötigt wird. Wir haben zum Beispiel in einem Plus-Energiehaus in Köln auch eine Kühlung eingebaut. In der Decke befindet sich eine Rohrschlange. Dort kann im Winter via Wärmepumpe Wärme durchgeleitet werden. Im Sommer besteht die Möglichkeit, kühles Wasser dort durchfließen zu lassen. So können wir die Räume um drei bis fünf Kelvin herunterkühlen.

Die dabei entstehende Überschusswärme nutze ich, um sie unter dem Gebäude zu verstecken. Das ist dann eine gute Wärmequelle für den Winter. Denn ich speichere die Wärme aus dem Sommer für den Winter im Boden. Das ist ein sehr intelligentes Speichersystem mithilfe der sehr preiswerten Mutter Erde. Auch die Speicherung funktioniert mittels Rohrschlangen. Hinzu kommt noch die solarthermische Überschusswärme, die im Boden direkt unter dem Haus gelagert werden kann.

Dabei gehen wir in unseren Projekten in die Fläche und nicht in die Tiefe. Letzteres wäre zu aufwendig und um circa den Faktor 10 kostenintensiver. Dabei befinden sich die Rohrschlangen in 60 Zentimeter Tiefe vor und hinter dem Gebäude sowie unter dem Gebäude selbst. Wir verbauen 500 Meter Rohrschlangen und können so mit vergleichsweise wenig Material ressourcenschonend sowie sehr effizient in diesem Falle vier Wohneinheiten kühlen und heizen.

Wie ist Nachhaltigkeit durch Langlebigkeit zu erreichen - insbesondere in Bezug auf Heizsysteme?

Andreas Nordhoff: Wenn ich zum Beispiel eine Wärmepumpe relativ selten laufen lasse, hat diese natürlich weniger Verschleiß. Das betrifft auch andere Systeme. Denn wenn ich zusätzlich luftdicht und wärmebrückenfrei baue, dann gibt es auch keine Probleme bei den Anschlüssen. Diese sind nämlich sonst der Feuchtigkeit ausgesetzt.

Was müsste sich ändern oder was wünschen Sie sich für die Zukunft für das Passivhaus?

Andreas Nordhoff: Das Thema ist ganz klar Nachhaltigkeit: Lifecycle (Lebenszyklus). Was passiert über einen gesamten Lebenszyklus mit den Baustoffen? Wir planen zum Beispiel für 100 Jahre und nicht für zehn oder 20 Jahre. Dann ist das Gebäude selbst schon nachhaltig. Wenn ich dann noch weiß, die Produkte, die ich einsetze, halten sehr lange oder ich kann sie innerhalb dieses Zyklus problemlos austauschen, dann ist das ein großer Vorteil. Außerdem hilft es entsprechende haustechnische Komponenten einzubauen, wie:

  • Gute Filter in der Lüftungsanlage

  • Ein starker Magnet vor der Hocheffizienzpumpe (filtert die ganzen Eisenpartikel heraus)


Problematisch sind aber Stoffe wie Polystyrol und Polyurethan. Die haben vor allem in der Herstellung einen sehr hohen Herstellenergieaufwand. Zudem siedeln sich dort gern Algen an. Um das zu verhindern, werden die Stoffe mit hochgiftigen Substanzen beschichtet. Diese Beschichtung kann jedoch durch Regen abgewaschen werden und gelangt so in unser Grundwasser. Findet man eine Alternative, tut man nicht nur der Umwelt etwas Gutes, sondern sorgt auch für Nachhaltigkeit. Die Sonne liefert uns das Fünfzehntausendfache an Energie zu dem, was wir brauchen. Wir müssen schon lange nicht mehr Rohstoffe in Braun- oder Atomkraftwerken verheizen die zudem noch unsere Menschheit gefährden.

heizung.de: Vielen Dank für das Gespräch!

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