Im Interview: Jürgen Leppig vom GIH

Das Haus ist ein sehr komplexes Gebilde. Wird es saniert, ist neben zeitlichem und finanziellem Aufwand vor allem Fachwissen unerlässlich. Insbesondere die Expertise eines Energieberaters ist gleich zu Beginn das A und O. Im Interview mit heizung.de spricht Jürgen Leppig, Energieberater und Bundesvorsitzender des “Bundesverbands Gebäudeenergieberater, Ingenieure, Handwerker e.V.”, über diese Notwendigkeit und darüber, wie Hausbesitzer auch ohne Weiterempfehlungen einen geeigneten Energieberater finden können.   

Herr Leppig, Sie sind der Bundesvorsitzende des “Bundesverbands Gebäudeenergieberater, Ingenieure, Handwerker e.V.” (GIH). Können Sie uns sagen, was der Bundesverband genau macht und welche Ziele er verfolgt?

Jürgen Leppig: Der Bundesverband Gebäudeenergieberater, Ingenieure, Handwerker e.V. ist ein anhörungsberechtigter (Zugang zu Verfahren oder entscheidungserheblichen Tatsachen; Anm. d. Red.) Verband und verfolgt im Wesentlichen das Ziel, die Interessen von ca. 2500 unabhängigen, qualifizierten Energieberater zu vertreten. Und das sowohl in Bezug auf Förderprogramme, Rechtsrahmen als auch auf politische Entwicklungen. Wir werden zum Beispiel zur Novellierung der EnEV hinzugezogen. Wenn die Ministerien über Förderungen diskutieren, werden wir auch zurate gezogen.

Wann brauchen Hausbesitzer die Expertise eines Energieberaters – und warum?

Jürgen Leppig: Immer dann, wenn Sie sich überlegen, an Ihrem Haus energieeffiziente Veränderungen vorzunehmen oder einen Neubau planen. Bei der Sanierung ist das oft der Fall, wenn der Putz bröckelt, die Fenster oder die Heizung nicht mehr so sind, wie sie sein sollten. Die Expertise eines „Sachverständigen für Energie“ ist insofern wichtig, weil er unabhängig vom Produkt und von Gewerken ganzheitliche Lösungen erarbeitet und in die Beratung die grundlegende Frage „Was wollen Sie denn erreichen?“ integriert. Er erklärt auch politische Ziele, beispielsweise für das Jahr 2050 (Markiert den Klimaschutzplan der Bundesregierung; Anm. d. Red.), schlägt vor, welche Maßnahme zu welchem Zeitpunkt den größten Hebel hat und was in welcher Reihenfolge den größten Nutzen darstellt. Ist zum Beispiel der Putz gerade kaputt und die Fenster sind undicht, dann kann man beide energetischen Sanierungen miteinander verbinden. Denn das Gerüst ist ja ohnehin da. 

"Es gibt aber auch Fälle, in denen ich die Leute dahingehend beraten habe, dass sie vorerst nicht sanieren sollten."

Auch kann es sinnvoller sein, zuerst mit der Heizung zu beginnen, da dann die Förderung und somit die Rentabilität der Maßnahme am größten ist. Es gibt aber auch Fälle, in denen ich die Leute dahingehend beraten habe, dass sie vorerst nicht sanieren sollten. Das ist dann der Fall, wenn die Wirtschaftlichkeit nicht darstellbar oder nicht klar ist, was denn mit der Immobilie geschehen soll.

Porträt von Jürgen Leppig für das Interview mit heizung.de
© Jürgen Leppig

Was halten Sie von Online-Energieberatungen?

Jürgen Leppig: Ich halte Online-Beratungen als Einstieg, als erste Informationsquelle für berechtigt. Jedoch können diese einen Menschen, der mit Sachverstand das Gebäude begutachtet, sich alles genau anschaut und dessen Zustand beurteilt, überhaupt nicht ersetzen. Eine Online-Beratung ist immer nur ein Tool. Ein Energieberater erkennt dagegen mit einem Blick Schäden, die der Laie oft gar nicht sieht. Und er gibt Tipps, wie man ohne großen Aufwand Maßnahmen ergreifen kann, um die Schäden zu mindern.

Wie sieht der typische Ablauf einer Energieberatung aus?

Jürgen Leppig: Eine Energieberatung ist in der Regel ein aufwendiger, komplexer Prozess mit vielen Schritten. Der erste und wichtigste Schritt ist bei mir aber das Zuhören. Das habe ich in meinem Berufsleben gelernt. Ich muss erst einmal wissen, was der Kunde warum sanieren möchte. Welche Ziele er verfolgt. Auch das Budget muss besprochen werden. Erst dann folgt die eigentliche Beratung. Sie besteht, zumindest bei mir, aus folgenden Abläufen:

  • Vorbereitung: Hausbesitzer sollten alle wichtigen Unterlagen zusammensuchen und griffbereit halten.
  • Vor-Ort-Termin: Diese Bestandsanalyse am Objekt ist die Basis für die Planung der energetischen Sanierung.
  • Datenverarbeitung: Mit einer zugelassenen Software für Energieberatung werden die Daten verarbeitet.
  • Zusammenstellung von Lösungsansätzen: Darin schlage ich Einzelmaßnahmen und/oder Maßnahmenpakete vor, die infrage kommen.
  • Beratungsbericht: Dieser ist so verfasst, dass auch Laien ihn verstehen.
  • Beratungsgespräch: Damit der Kunde sich vorbereiten kann, findet das Beratungsgespräch erst zwei Wochen nach dem Bericht statt.

Es gibt selbstständige Energieberater und Energieberatungsagenturen. Zudem bieten viele Verbraucherzentralen auch Energieberatungen an - sogar zu günstigen Konditionen. Woran kann ich als Laie einen qualifizierten Energieberater erkennen?

Jürgen Leppig: Eine Weiterempfehlung ist für mich das wichtigste Kriterium. Viele unserer Mitglieder haben eine Website, die meisten Kunden werden jedoch über Empfehlungen gewonnen. Daher ist es immer sinnvoll, jemanden zu fragen, der schon einen Energieberater beauftragt hat. Wenn Sie niemanden kennen, dann können Sie als Erstes in der EEE-Liste (Energie-Effizienz-Experten-Liste; Anm. d. Red.) suchen, ob die Berater in Ihrer Umgebung darin vertreten sind. Wenn ja, dann bedeutet dies zumindest, dass diese für Förderprogramme für die Heizung des Bundes qualifiziert sind. Mehr sagt die Liste jedoch nicht aus.

"Im schlimmsten Fall haben Sie nur wenig Geld ausgegeben, wissen aber sicher: Der war nicht der Richtige."

Eine Beratung passiert zwischen Menschen. Da kommt es schon mal vor, dass Energieberater und Kunden nicht zusammenpassen. Um das im Vorfeld zu überprüfen, ist es sinnvoll, eine sogenannte Initialberatung in Anspruch zu nehmen. Viele Energieberater bieten diesen Service für wenig Geld an, manchmal auch kostenlos. Beim Termin merken Sie dann schnell, ob die Beratung unabhängig und kompetent ist und ob die Beziehungsebene stimmt. Im schlimmsten Fall haben Sie nur wenig Geld ausgegeben, wissen aber sicher: Der war nicht der Richtige.

Ein Wärmebild wird im Rahmen des Interviews mit Jürgen Leppig gezeigt. 
© Ingo Bartussek | Fotolia

Der Bund hat für die geförderte Energieberatung die von Ihnen erwähnte EEE-Liste mit geeigneten Experten zusammengestellt. Sie fordern dennoch die offizielle Anerkennung des Berufsbilds „Energieberater“ - warum?

Jürgen Leppig: Uns geht es im Kern darum, das Berufsbild des Energieberaters zu etablieren. Es gibt ja z.B. Energieberater, die Stromverträge verkaufen. Das entspricht nicht unserem Ideal. Dadurch, dass der Begriff nicht geschützt ist, kann jeder behaupten: Ich bin Energieberater. Punkt. Um zu verhindern, dass genau das passiert, ist unser Ziel das Berufsbild oder zumindest einen staatlichen geprüften Energieberater zu etablieren, wie es auch einen staatlich geprüften Heilpraktiker gibt. Wenn wir das als Verband erreicht haben, ist allen geholfen. So kann man die Spreu vom Weizen trennen.

Wir haben zudem einen medialen Nachteil: Journalisten berichten selten über positive Energieberatungen oder darüber, wie viel Energie Hausbesitzer nach einer Energieberatung einsparen oder wie sich die Wohnqualität verbessert hat. Stattdessen wird negativ über Einzelfälle berichtet, was auch am fehlenden Berufsbild liegt und der Tatsache geschuldet ist, dass eine negative Berichterstattung Quote und Reichweite bringt. Wenn Handwerk, Industrie und Energieberatung im Netzwerk zusammenarbeiten, können wir vieles für den Klimaschutz erreichen. Die Heizungsindustrie sagt selbst, dass gut 90 Prozent aller neuen Heizkessel mit der Werkeinstellung eingebaut werden. Diese könnten durch eine Anpassung an das Gebäude wesentlich effizienter arbeiten. Dieses Beispiel zeigt, dass qualifizierte Energieberater im Netzwerk mit Handwerkern und Industrie für den Kunden und die Umwelt das Optimum aus einer Sanierung herausholen könnten. Daran müssen wir „gemeinsam arbeiten“.  

Der GIH setzt sich für Energieeffizienz und einen sinnvollen Umgang mit erneuerbaren Energien ein. Hätten Sie in dieser Hinsicht Tipps, wie man seinen Alltag energieeffizienter gestalten kann?

Jürgen Leppig: Wichtig ist vor allem das richtige Lüften. Achten Sie darauf, dass Sie stoßlüften, statt die Fenster gekippt zu lassen. Was auch hilft, um vor allem Kosten zu sparen, sind sogenannte Smart-Home-Geräte zum Nachrüsten. Sie lassen sich meist sehr schnell und unkompliziert installieren. Ich persönlich empfehle meinen Kunden auch, sich frühzeitig mit einem Heizungstausch zu beschäftigen und im Vorfeld beraten zu lassen. Meist wird gewartet, bis gehandelt werden muss. Dann greifen sie meistens zu Geräten, die schnell verfügbar sind.

"Ich persönlich empfehle meinen Kunden auch, sich frühzeitig mit einem Heizungstausch zu beschäftigen und im Vorfeld beraten zu lassen." 

Langfristig ist es sinnvoll, sich schon heute Gedanken darüber zu machen, womit man aktuell heizt und ob es zukunftsorientiert ist, weiter auf diesen Energieträger zu setzen. Der Markt bietet hier eine große Auswahl an effizienten Wärmeerzeugern und Flächenheizungen, die sich beispielsweise an der Decke sehr gut einbauen lassen. Angesichts der immer wärmer werdenden Sommer sollte auch das Thema Kühlen in den Fokus rücken. Hierfür eignen sich Wärmepumpen mit eigenem PV-Strom hervorragend. Auch Lüftungsanlagen, neue Fenster, Dämmungen erhöhen den Wohnkomfort spürbar und sollten berücksichtigt werden.

Weitere Tipps und Informationen zum Thema Energieberatung finden Sie auch auf https://www.energieberatung-leppig.de/. Hintergründe zum Bundesverband, dessen Arbeitsbereiche und Ziele gibt es auf https://www.gih.de/ 

Vielen Dank für das Gespräch!

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