Im Interview: Johannes Hengstenberg von co2online

Johannes Hengstenberg ist Klimaschützer, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Geschäftsführer der gemeinnützigen Beratungsgesellschaft co2online. Im Experteninterview mit heizung.de spricht er unter anderem über das Energieeinsparpotenzial im Gebäudebestand, die klassischen und alternativen Optimierungsmaßnahmen sowie darüber, warum der hydraulische Abgleich so wichtig ist. Außerdem verrät er, warum die effektivste Einsparung nur mit einer Kombination aus Kesseltausch und weiteren Maßnahmen erzielt werden kann.

Herr Hengstenberg, können Sie uns sagen, wie groß das Energieeinsparpotenzial im Wohnungs- und Gebäudebestand ist?

Johannes Hengstenberg: Wir bieten seit den 90er Jahren maschinengestützte, kostenlose Energieberatung an und haben inzwischen etwa 2,3 Millionen Gebäude analysiert und deren Energiekennwert berechnet. Damit decken wir eine beachtliche Zahl aller Bestandsgebäude in Deutschland ab. So messen wir anhand der Daten, die unsere Benutzer in ihrem Energiesparkonto hinterlegt haben, jedes Jahr den Heizenergieverbrauch der Wohngebäude in Deutschland und kommen für das Jahr 2015 auf einen Wert von 110 Kilowattstunden pro Quadratmeter an Heizenergie. Die Zahl bezieht sich nicht auf die beheizte Wohnfläche, sondern auf die Nutzfläche des Gebäudes nach der Energieeinsparverordnung (EnEV). Diese ist im Vergleich etwa 20 Prozent höher als die der Wohnfläche und sinkt jährlich um circa zwei bis drei Kilowattstunden pro Quadratmeter.

Porträt von Herrn Johannes Hengstenberg für das Interview mit heizung.de
Quelle: co2online

Bestandsgebäude, die in den vergangenen Jahren komplett saniert wurden, haben einen jährlichen Heizenergieverbrauch von 60 bis 70 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Nicht 20 bis 30, wie in manchen Modellen als möglich dargestellt wurde. Wenn man das auf ganz Deutschland bezieht, dann haben wir ein Minderungspotenzial von gerade mal 30 bis 40 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Das liegt auch an den Sättigungseffekten, die teilweise schon jetzt wirken. Anders formuliert: Wären jetzt alle Gebäude komplett saniert, dann hätten wir immer noch einen jährlichen Heizenergiebedarf von 60 bis 70 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Um noch einmal auf Ihre Frage zu kommen: Wenn man nur das Einsparpotenzial durch den Kesseltausch oder die Gebäudesanierung betrachtet, dann ist es verhältnismäßig groß. Geht es aber um das Einsparpotenzial im Allgemeinen, dann sieht es wieder anders aus. 

Abgesehen davon, dass die Zahlen noch besser sein könnten: Welche Optimierungsmaßnahmen wurden bislang eingesetzt?

Johannes Hengstenberg: Wenn wir über die klassischen Maßnahmen wie Kesselerneuerung und Fassadendämmung sprechen, dann erkennen wir eine Stagnation, ja sogar einen leichten Rückgang der Sanierungsraten. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Fälle zu, in denen ein effizienter Kessel gegen einen im Normalfall ebenfalls effizienten Kessel ausgetauscht wird. Sie müssen sich es so vorstellen: Wenn Sie einen Niedertemperaturkessel gegen einen neuen Kessel mit Brennwerttechnik austauschen, dann ist das Einsparpotenzial sehr hoch. Sind aber viele alte Kessel ohne Brennwerttechnik bereits ausgetauscht, bewirkt ein zukünftiger Kesseltausch nur noch wenig.

Ich kann es auch belegen: Vor 20 Jahren hat die Erneuerung einer Heizung noch 35 Kilowattstunden Einsparung gebracht. Heute liegt der Wert im Durchschnitt zwischen 15 und 17 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Ähnliches gilt auch für die Fassadendämmung, wobei die Einsparung bei dieser Maßnahme ohnehin geringer ist als bei einem Heizungstausch. Das haben unsere Zahlen ergeben. Irgendwann sind wir am Ende der Fahnenstange. Der Tausch eines Kessels mit Brennwerttechnik gegen einen anderen Kessel mit Brennwerttechnik oder die Fassadendämmung kann dann keinen erwähnenswerten Beitrag zur Senkung des Endenergieverbrauchs mehr leisten.

Was ist mit dem Wechsel von fossilen zu regenerativen Energieträgern?

Johannes Hengstenberg: Wir sprechen hier über die Senkung des Endenergieverbrauchs, nicht über die Verbesserung der Ökobilanz. Wenn Sie einen modernen Ölkessel durch eine ebenfalls moderne Holzheizung ersetzen, tun Sie der Umwelt etwas Gutes. Die Wirkung auf den Endenergieverbrauch bleibt aber gleich.

Und was gibt es für Alternativen?

Johannes Hengstenberg: In unseren Beratungen haben wir etwa 400.000 Hausbesitzer gefragt, was sie zusätzlich zum Kesseltausch gemacht haben. Daraufhin haben 40 Prozent geantwortet, dass sie den hydraulischen Abgleich haben durchführen lassen. Wenn man bedenkt, dass gerade dort ein großes Minderungspotenzial steckt, dann sind 40 Prozent sehr wenig. Salopp gesagt verursacht ein hydraulischer Abgleich zehn Prozent Mehrkosten, spart aber 10 bis 15 Prozent Heizenergie ein. Wer diese Zusatzmaßnahme nicht durchführt, vergeudet ein großes Einsparpotenzial.

Woran liegt es, dass die Mehrzahl der Hausbesitzer den hydraulischen Abgleich nicht hat durchführen lassen?

Johannes Hengstenberg: Das hat mehrere Gründe: Zum einen haben wir einen dramatischen Mangel an Heizungsinstallateuren, die die Hausbesitzer beraten könnten. Zum anderen liegt es an der geringen Präsenz dieses Themas. Es würde daher viel bringen, wenn die Verbraucher noch besser informiert wären.

Wie lässt sich der Endenergieverbrauch darüber hinaus senken?

Johannes Hengstenberg: Es gibt über den Kesseltausch hinaus noch zwei weitere Optimierungsmaßnahmen, die viel bringen und wenig kosten. Wir beobachten, dass der Austausch von Thermostaten allein, also auch ohne den hydraulischen Abgleich, sehr wirksam ist. Wir messen das mithilfe unseres Energiesparkontos und stellen fest, dass die Erneuerung der Thermostate fast so effizient ist wie der Kesseltausch, bei dem die Geräte dieselbe Technik nutzen. Das heißt, zehn Prozent Mehrkosten führen noch einmal zu einer Verdopplung des Minderungserfolgs.

"Am besten ist es, sie machen es sich zur Gewohnheit, die Gasheizung im Sommer komplett abzustellen."

Die andere Maßnahme betrifft Hausbesitzer, die eine Solarthermieanlage in Kombination mit einer Gasheizung betreiben. Wir stellen fest, dass die Mehrzahl dieser Gebäude im Sommer unverhältnismäßig viel Erdgas verbraucht. Das bedeutet, dass die Anlage nicht richtig funktioniert. Denn sonst dürfte die Gasheizung in dieser Jahreszeit nicht so häufig anspringen - es sei denn, es kommt beim Anlagenbesitzer wiederholt zu einem kurzfristigen hohen Warmwasserbedarf. Einige Experten sehen den Grund in der wiederholten Überhitzung der Anlagen nach drei bis fünf Jahren. Diese führt dazu, dass das Wärmeüberträgermedium beschädigt wird. Dadurch findet der Wärmetransport nicht mehr statt oder er wird stark beeinträchtigt.

Das betrifft etwa eine Million Solarthermieanlagen in Deutschland. (Anm.d.Red.: Seit 2017 werden selbst schaltende Kollektoren angeboten, die das Überhitzen des Wärmeüberträgermediums verhindern.) Dabei kann eine regelmäßige Wartung diesem Problem vorbeugen. Hier kann beispielsweise der Installateur zu seinen Bestandskunden gehen und sagen: Schließen wir einen Wartungsvertrag ab und ich bringe Ihre Anlage wieder in Ordnung. Diesen Schritt können natürlich auch die Anlagenbesitzer machen. Am besten ist es, sie machen es sich zur Gewohnheit, die Gasheizung im Sommer komplett abzustellen. Wenn das Brauchwasser nicht mehr richtig warm wird, dann merken sie gleich, dass etwas mit der Solarthermieanlage nicht stimmt.

Welche Vorteile bietet die Digitalisierung? Können beispielsweise intelligente Thermostate die Heizkosten senken?

Johannes Hengstenberg: Wir haben in Deutschland etwa 200 Millionen Thermostate, die nicht mehr richtig funktionieren. Da sehe ich überhaupt ein großes Potenzial beim Austausch der Ventile. Denn sie verlieren im Laufe der Zeit an Elastizität und funktionieren nicht mehr richtig. Und wenn Hausbesitzer den Austausch mit der Hausautomation verbinden, dann sparen sie nach unserer Erfahrung mit dem Energiesparkonto um die 10 bis 20 Prozent an Heizenergie.

"Mit der richtigen Anlagensteuerung lassen sich 10 bis 15 Prozent an Heizenergie einsparen."

Bei großen Gebäuden lässt sich der Heizenergieverbrauch durch die Anbindung der Heizanlage an die Wetterprognose senken. Derzeit reagieren veraltete Heizanlagen auf die Temperaturänderungen, die durch Fühler am Gebäude gemessen werden. Da Gebäude mit teils erheblicher zeitlicher Verzögerung auf diese Signale reagieren, hinkt die vom Kessel dargebotene Heizlast stets hinter der tatsächlich notwendigen Heizlast hinterher. (Anm. d. Red.: Moderne Heizungen stellen die Wärme nur dann zur Verfügung, wenn sie wirklich benötigt wird.) Vor allem in der Übergangszeit ist eine solche Steuerung anachronistisch, da der Kessel hier am Morgen Wärme erzeugt, die vom Gebäude nicht benötigt wird. Macht man dagegen die Witterung der nächsten Stunden zur Grundlage für die Bereitstellung der aktuellen Heizlast, dann lassen sich 10 bis 15 Prozent an Heizenergie einsparen. Das ist eine geringinvestive Maßnahme mit einem verblüffenden Effekt. Insofern ermöglichen moderne, digitale Techniken nennenswerte Einsparungen zu geringen Kosten.

Heizspartipps gibt es viele. Können Sie den heizung.de-Lesern die aus Ihrer Sicht drei besten Tipps mitgeben?

Johannes Hengstenberg: Mit den klassischen Optimierungsmaßnahmen wie dem Kesseltausch oder der Fassadendämmung können sie Ihren jährlichen Heizenergieverbrauch schon auf 60 bis 70 Kilowattstunde pro Quadratmeter reduzieren. Noch mehr Ersparnisse erreichen Sie zusätzlich mit anderen Maßnahmen. Eine davon, nämlich den hydraulischen Abgleich, habe ich ja bereits erwähnt. Der andere Tipp betrifft den Kellerraum: Die Heizungsrohre gehören unbedingt gedämmt. Mein dritter und letzter Tipp: Verbinden Sie kostenintensive Maßnahmen mit den kostengünstigen. Denn nur in Kombination können Sie Heizenergie am effektivsten sparen. In unserem co2online Dossier rund um das Thema Heizung finden Sie darüber hinaus weitere nützliche Tipps: https://www.co2online.de/modernisieren-und-bauen/heizung/

Vielen Dank für das Gespräch!

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