Im Interview: Dr. Timm Kehler von Zukunft ERDGAS

Seit Jahrzehnten heizen wir mit Erdgas. In Zeiten von teils dramatischen Klimaänderungen wird diese Gewohnheit auf einmal infrage gestellt. Wie geht es in Zukunft weiter mit gasbasierten Heizsystemen? Welchen Stellenwert haben sogenannte grüne Gase bei der Energiewende? Diese und weitere Fragen beantwortet Dr. Timm Kehler, Vorstand der Brancheninitiative Zukunft ERDGAS, im Experteninterview mit heizung.de.

Herr Kehler, sagen Sie uns bitte kurz, was sich hinter dem Branchennetzwerk Zukunft ERDGAS verbirgt

Timm Kehler: Wir sind eine Initiative der Gaswirtschaft, die sich das Ziel gesteckt hat, die Stimme für alle gasförmigen Energien zu sein. Also nicht nur für Erdgas, sondern auch für Wasserstoff und Biogas sowie zukünftige Lösungen mit synthetischem Gas. Gestartet sind wir vor sechs Jahren mit 26 Gründungsmitgliedern. Und seitdem sind wir stark gewachsen. Heute umfasst unser Netzwerk bereits über 130 Unternehmen und Verbände – von Gasförderunternehmen über Netzbetreiber bis hin zu Stadtwerken und Unternehmen, die Anwendungstechniken von Gas erforschen.

Politisch wird aktuell (gefühlt) nur über die E-Mobilität diskutiert, obwohl der Wärmemarkt einen entscheidenden Anteil an der Energiewende hat. Läuft da was schief?

Timm Kehler: Man muss festhalten, dass der Verkehr sicherlich zu Recht ins Visier genommen wird, weil hier in den letzten 30 Jahren keine nennenswerten Erfolge erzielt wurden. Im Gegenteil, man ist in etwa auf demselben Niveau wie 1990. Der Gebäudesektor hingegen wird zwar oft als schlafender Riese bezeichnet. Wir müssen aber sehr deutlich sagen, dass er mittlerweile kein Riese mehr ist. Erstens ist er nach Energiewirtschaft, Industrie und Verkehr nur noch der viertgrößte CO2-Verursacher. Zweitens kann keine Rede davon sein, dass der Wärmemarkt schläft. Denn der Gebäudesektor ist der einzige, der die CO2-Ziele für das Jahr 2020 (Anm. d. Red. 40 Prozent Reduzierung gegenüber 1990) tatsächlich auch erreicht.

Das Bild zeigt Dr. Timm Kehler im Interview mit heizung.de 
©ZukunftERDGAS

Heißt das, wenn niemand darüber spricht, ist alles richtig gelaufen?

Timm Kehler: Man kann schon sagen, dass wir nach wie vor eine Reihe an Potenzialen ausschöpfen können. Das betrifft vor allem die Gasbrennwerttechnik, die nennenswerte CO2-Ersparnisse erlaubt. Bis zur nächsten Klimazielmarke 2030 ist es nicht mehr weit. Deshalb müssen wir das Tempo der Wärmewende noch einmal deutlich erhöhen. Knapp Zwölf Millionen Heizungen in Deutschland sind technisch veraltet und arbeiten ineffizient. Es ist also höchste Zeit, diese auf moderne Gasbrennwerttechnik umzurüsten. Die Ereignisse der letzten Wochen, wie zum Beispiel das Klimapaket und die Ergebnisse des Gasdialogs 2030, haben ja gezeigt, dass das Potenzial dieser Technik klar erkannt wird und Gas endlich auf der politischen Agenda steht. Und das nicht ohne Grund: Denn durch den Austausch aller veralteten Heizungen gegen moderne Gasbrennwertgeräte ließen sich jährlich 30 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Sie fordern die Anrechenbarkeit von grünen Gasen. Was können wir darunter verstehen?

Timm Kehler: Die Gasbranche ist derzeit sehr aktiv, den Energieträger CO2-ärmer zu gestalten. Das funktioniert dadurch, dass man dem konventionellen Erdgas grünes Gas beimischt. Grünes Gas kann Biogas sein, aber auch Wasserstoff oder synthetisches Erdgas. Wenn ich damit meine Heizung betreibe, reduziere ich den CO2-Fußabdruck noch weiter. Das ist zusätzlich zu Effizienzmaßnahmen wie dem Heizungstausch ein wichtiger Schritt, um zur CO2-Neutralität zu kommen. Deshalb sollte der Umstieg auf grüne Gase aus unserer Sicht belohnt werden.  

In der von Ihnen herausgegebenen Studie "Wärmemarkt 2050" gibt es sehr viele Zahlen. Nennen Sie uns bitte 3 aus Ihrer Sicht wichtige Kennzahlen!

Timm Kehler: Die erste Zahl bzw. die erste wichtige Botschaft der Studie ist, dass wir die Klimaziele 2050 tatsächlich erreichen können – und das bezahlbar und ganz ohne Systembrüche. Der Anteil des grünen Gases muss dafür auf ungefähr 30 Prozent bis zum Jahr 2050 anwachsen. Dadurch wird die Gastechnologie weiterhin die zentrale Säule der Wärmeerzeugung im Bestand bleiben. Der Anteil gasbasierter Heizsysteme wird im Jahr 2050 bei rund 55 Prozent liegen. Und wir reden nicht von klassischen Heizsystemen für konventionelle Energieträger, sondern von Systemen, die auf lange Sicht für die Dekarbonisierung zur Verfügung stehen. So erwarten wir in der Studie, dass in Deutschland bis 2050 etwa vier Millionen Wohneinheiten auf eine Energieversorgung durch Brennstoffzellen setzen. Schon heute tragen diese hocheffizienten Mini-Kraftwerke zu einer ressourcenschonenden, dezentralen Energieversorgung bei. Perspektivisch werden diese direkt aus dem Gasnetz grünen Wasserstoff beziehen können.

Die gute Nachricht ist also: Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Die heute verfügbaren Technologien und die aktuellen staatlichen Förderungen im Wärmemarkt reichen aus, um das Klimaziel 2050 sozialverträglich zu erreichen.

Die komplette Studie zum Wärmemarkt 2050 zum Nachlesen finden Sie auf https://zukunft.erdgas.info/

Was macht Sie so optimistisch?

Timm Kehler: Wir wissen ja, dass im heutigen Bestand die Brennwerttechnik beileibe noch nicht so vorgedrungen ist, wie es notwendig wäre. Noch immer entsprechen sechs von zehn Heizungen in Deutschland nicht dem Stand der Technik. Hier kann der Einbau einer Gasheizung deutlich zur CO2-Senkung beitragen. Wir haben also nach wie vor eine ganze Reihe an Potenzialen, die wir ausschöpfen können. Ein weiterer Vorteil sind die niedrigen Kosten des Erdgases. Mit der Nutzung der effizienten Gasbrennwerttechnik können die Energiekosten weiter gesenkt werden. Wir glauben, dass wir dafür das richtige Werkzeug in der Hand haben.

Mit den von uns ins Leben gerufenen „Raustauschwochen“ haben wir dafür einen ersten Impuls gegeben. Mehr als 15.000 Modernisierer haben seit dem Start der Aktion im Jahr 2017 neben der staatlichen Förderung der Heizungsmodernisierung auch von der Raustauschwochen-Prämie profitiert, die die Heizgerätehersteller beisteuern. Während wir die Aktion vor zwei Jahren in drei Bundesländern starteten, beteiligen sich mittlerweile bereits acht Bundesländer. Das zeigt: Die Nachfrage nach umweltschonenden Gaslösungen im Wärmemarkt ist da.

Die von Ihnen vorgeschlagenen Handlungsempfehlungen beziehen sich auf Hausbesitzer und Entscheidungsträger. Welchen Beitrag kann ich als normaler Mieter zum Umweltschutz leisten?

Timm Kehler: Umweltschutz lässt sich bereits mit kleinen Maßnahmen erreichen, zum Beispiel, indem man seinen Energieverbrauch kritisch hinterfragt. Habe ich einen energieeffizienten Kühlschrank? Muss die Deckenlampe wirklich tagsüber eingeschaltet werden? Wie lüfte ich die Wohnung richtig, ohne „zum Fenster hinaus zu heizen“? Und natürlich spielt auch die Wahl des Energieträgers beim Thema Umwelt- und Klimaschutz eine Rolle. Wenn der Mieter also über seinen Energiebezug frei entscheiden kann, ist ein Wechsel zu einem Biogas-Vertrag ein erster Schritt in Richtung CO2-Neutralität.  

Vielen Dank für das Gespräch!

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